Montag, 7. April 2014

Episode 4 - There’s no place like home

In einer Stadt, die so groß wie Berlin und noch dazu so vielseitig ist, kann man schon mal den Überblick verlieren. Berlin ist wundervoll. Ich liebe es, am Tegeler See entlang zu laufen und die frische Luft zu atmen, ich liebe es, zu meinem Inder in Wedding zu gehen und mir spät Abends noch eine ausgefallene Leckerei zu bestellen, ich kann es jeden Winter kaum erwarten, bei einem Milchkaffe in der Frühlingssonne am Schlachtensee zu sitzen... und doch spielen sich mindestens 2/3 meiner Lieblingsbeschäftigungen in meinem Karree ab... und mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall auch auffällig konsequent im früheren Westberlin. Das würde jetzt sehr nach ignorantem Wessi klingen, wenn es meinen Freunden aus der anderen Hälfte nicht irgendwie genauso mit dem Osten gehen würde. Wer in dieser Stadt bleibt, der bleibt konsequent und zwar Pi mal Daumen da, wo er schon immer gelebt hat. Vor vielen Jahren, verschlug es mich bei einem Schüleraustausch in ein kleines Dorf im Nord-Westen der USA. Ich lernte dort Jake kennen, einen Cowboy (wirklich!), der stolz darauf war, noch nie seinen Bundesstaat verlassen zu haben. Damals mit 17 kam mir das so engstirnig und dumm vor, hat die Welt doch so viel zu bieten. So vieles gibt es, was es sich zu sehen lohnt, unendliche Möglichkeiten sein Leben zu leben. Man konnte in Paris studieren, als Au Pair nach Kanada gehen, nach Mallorca oder in die Schweiz ziehen... Die Welt ist ein Dorf hatte ich damals gedacht als ich regelmäßig zu meiner Fernbeziehung über den großen Teich jettete, denn trotz allem Trennungsschmerz (und den wirklich horrenden Ticketpreisen) war man doch irgendwie überraschend schnell da. Ein Mittagessen, ein Snack, zwei Filme und schon: Herzlich Willkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und all dies lies sich dieser weltfremde Cowboy entgehen. Ich weiß nicht warum ich gerade heute daran denken musste, als ich mich durch den Stau auf der A100 von Tempelhof nach Wedding quälte. Irgendwie doch komisch. Obwohl sich meine Universität in Cahrlottenburg befand, ich zum arbeiten nach Wannsee, Potsdam, Prenzlauer Berg musste und mein Freundeskreis über ganz Berlin verstreut wohnt - mein Lebensmittelpunkt sich also immer wieder verschoben hatte, war ich doch immer in meiner Heimat geblieben. Ich kenne Berlin ziemlich gut, würde ich behaupten. Ich kenne wundervolle Ecken in ganz Berlin. Fernab vom Rummel der Innenstadt. Weit weg von „Prenzl-Kreuz-Hain“ habe ich Plätze entdeckt, die kaum noch an Großstadt erinnern. Kleine Cafés, nette Parks, tolle Altbauwohnungen... Ich habe in den letzten 10 Jahren Wege zu meiner Arbeit und zu meinen Freunden zurück gelegt, mancher Kurierfahrer wäre neidisch. Aber egal wohin ich auch musste, meine Heimat hab ich nicht verlassen. Den Radius von 15 Km zu meinem Elternhaus, in dem ich aufgewachsen bin habe ich wohnungstechnisch nie übertreten. Natürlich, weil es mir hier gefällt, weil meine Eltern hier wohnen und weil viele meiner langjährigen Freunde sich ebenfalls nicht aus diesem Radius gewagt haben und doch habe ich das Gefühl, dass es noch etwas anderes ist. Vielleicht war dieser Cowboy gar nicht engstirnig sondern hatte einfach nur sehr früh festgestellt, dass er es hier mochte – zuhause. Klar ein Urlaub wäre schon schön, hatte er damals eingeräumt aber unglücklich darüber, noch nie weit weg gewesen zu sein, war er nicht. Ich überlegte. Abgesehen von einigen Freunden hatte ich eigentlich alles in meinem 15 Km Radius und so schön auch große Reisen waren, spannend, bereichernd... glücklich bin ich doch hier. In einer Zeit in der vieles so schnelllebig und vergänglich ist, ist es beruhigend zu wissen wo man hingehört, soweit ein simpler Gedanke. Komisch nur, wenn einem erst die Erinnerungen an einen Cowboy begreifen lassen was Glück bedeutet: seine eigenen Wurzeln zu kennen und zu lieben.

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