Freitag, 11. April 2014
Episode 6 - BERLIN, BERLIN
Ich war schon immer ein sehr nostalgischer Mensch. Was für andere Leute altbacken war oder überholt klang, war für mich immer wunderbar.
Ich liebe nicht nur meine Vintagekleidung und stöbere gerne in Second-hand-boutiquen, ich mag auch meine Stadt vintage.
Ich mag Beständigkeit. Zumindestens bei den „großen Dingen“ und doch müssen wir uns mit den kleinen Toden unseres Lebens abfinden.
„Früher war alles besser...“, „irgendwie ist es ohne ... nicht mehr das selbe...“ - Sätze, die man typischerweise von älteren Mitbürgern kennt, kommen mir schon mit 33 Jahren erstaunlich leicht über die Lippen. Nicht ganz ohne Ironie ist es da, dass nach ebenfalls genau 33 Jahren das Ende von „Wetten dass...?“ bekannt gegeben wurde. Ein Sendung die mich vom ersten Tag bis hierher begleitet hatte. Ein regelmäßiges Highlight meiner Kindheit, eine schöne Erinnerung an Fernsehabende mit den Eltern. An Schnittchen und Schokolade. Und sogar mal einem Glas Limonade. War ja was besonderes so ein langer Fernsehsamstag.
Und so bin ich schon immer. Ich fühlte mich, als wäre ein Stück meiner Kindheit verschwunden, als sich 2011 die Schöneberger Sängerknaben auflösten, ich saß mit feuchten Augen im Abschiedskonzert des Luftwaffenkorps und war traurig über das Ende von etwas, dass ich vorher nie verfolgt hatte, ich trauere dem Kino im Marmorhaus am Ku’damm nach und lausche gierig Geschichten über das „alte Berlin“.
Ich habe nichts gegen das Neue... im Gegenteil, ich finde es spannend wenn neue Dinge aus dem Nichts entstehen, wenn sich neue Bands gründen und neue Geschäfte eröffnen. Was mir Probleme bereitet ist, das Verschwinden von Dingen.
Ich habe wohl immer das Gefühl das ein Stück von mir verschwindet, wenn etwas Neues nur dann entstehen kann, weil etwas altes, liebgewonnenes weicht. Und nun ist das gute alte ICC dran... liegt es einfacher an der Zeit , dem Zufall oder liegt es an mir?
Unwillkürlich frage ich mich, ist es mit gut 30 Jahren Zeit etwas neuem zu weichen, ist das einfach die Zeit die Dinge oder Situationen so ungefähr überdauern und wenn Neues kommt, wo geht das Alte hin?
Altes los zulassen kann schwer sein, aber es ist wohl ganz natürlich dass es hin und wieder gehen muss, um etwas Neuem Platz zu machen.
Wenn es mir schon so zu schaffen macht, möchte ich mir kaum ausmalen, wie es Menschen geht, die wirklich schon 60, 70 oder 80 Jahre in dieser wundervollen Stadt leben.
Und noch ein Gedanke kam mir:
Möglicherweise geht es dieser Stadt nicht besser, als jedem von uns. Haben wir nicht alle Angst, dass etwas Neues kommt und Altes ersetzt? Privat, beruflich auf irgendeine gruselige Art und Weise.
Wenn sich mal wieder alles um mich rum beschleunigt, hilft es mir, an vertrauten Orten spazieren zu gehen. Gestern war ich an der Havel. Sie floss durch diese Stadt als die Mauer stand, als die Bomben fielen und sie wird auch morgen noch fließen.
Und während ich aufs Wasser blickte realisierte ich, was Charakter hat, kommt nicht aus der Mode. Es ist gestern so schön wie heute und morgen. ...Berlin verliert seinen Charme nicht. Berlin bleibt Berlin. Wunderbar, einzigartig, stielvoll und vielleicht können wir von dieser reifen Dame was lernen...
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