Freitag, 18. April 2014
Episode 9 - Auf den zweiten Blick
Gestern war ich mal wieder im Prenzlauer Berg frühstücken.
Eigentlich ist das so gar nicht meine Gegend. Ich komme mir irgendwie immer fehl am Platz vor, denn wie bei vielen Menschen, habe auch ich eine feste Vorstellung davon, welche Klischees hier zutreffen.
Ich bin nicht zugezogen, sondern wohne schon mein Leben lang in Berlin, ich bin ÜBER 27, habe aber noch KEINE Kinder. Ich esse gerne Fleisch und finde, dass Bio-Lebensmittel quatsch sind. Ich schlendere selten über Märkte und kaufe meine Klamotten so gut wie nie in kleinen Boutiquen... ich passe hier einfach nicht hin.
Als mich eine Freundin nun auf ein Frühstück dort einlud, war ich mäßig begeistert.
Wir setzten uns in einen Italiener, bestellten und ließen das kleine Restaurant auf uns wirken: der Kellner der uns fragte ob wir deutsch oder englisch sprechen, die Deko die unglaublich verkrampft „alles easy“ schrie, die Preise die „Willkommen in der Hauptstadt“ riefen... alles so „Prenzl’Berg-isch“!
Als wir nach dem Frühstück noch etwas spazieren gingen und uns eine Gruppe Touristen entgegen kam, konnte ich mich nur mit viel Beherrschung davon abhalten, ihnen jeden Bezirk außer Prenzlauer Berg zu empfehlen, wenn sie Berlin wirklich kennen lernen wollen.
Ich überlegte, wann dieses Gefühl begann. Entstand es aus eigenen Erfahrungen, hatte ich einfach zu viele Comedyprogramme über diesen Bezirk gesehen, zu viele Geschichten gehört und gelesen?
Wenn ich schon gegen einen Bezirk meiner geliebten Heimatstadt solche Vorurteile habe, wie oberflächlich und vorurteilsbeladen bin ich dann im wirklichen Leben?
Als Kind scheint man Dinge irgendwie genauer zu betrachten. Man versucht einen Blick hinter die Fassade zu werfen und zu erkennen, warum einem Dinge nicht ganz geheuer sind.
Als Erwachsener entstehen Vorurteile oft aus Unverständnis und Unkenntnis. Einige schlechte Erlebnisse werden auf ganze Personengruppen, auf Städte und Regionen, auf Firmen projeziert.
Und eine weitere Überlegung: Formen wir durch unsere Vorurteile Menschen, Städte, Dinge?
Man hört immer wieder, dass Menschen, die daran glauben eine Fähigkeit schon zu besitzen, sich diese auch besser aneignen als jene, die sich für absolut unfähig halten.
Ist es so auch mit Vorurteilen?
Verfolgen Menschen unbewusst ein Verhaltensmuster das wir ihnen über die Jahre so unterstellt haben und werden damit erst einem Bild gerecht, welches aus Vorurteilen entstand?
Und vielleicht haben auch wir Berliner, diesem kleinen Bezirk gesagt, wie er auf uns wirkt, wie es in unserer Vorstellung hier abläuft und unsere Stadt hat einfach nur reagiert. Haben wir diese Entwicklung maßgeblich geprägt?
Ich schaue genauer hin während ich die Wörther Strasse hinunter schlendere. Genauer hingesehen habe ich hier irgendwie schon länger nicht mehr fällt mir auf. Während ich alles auf mich wirken lasse, frage ich mich, was mich hier immer so gestört hat.
Irgendwie doch ganz schön. Anders als bei mir zuhause aber anders ist es auch in Neukölln, Spandau oder Wannsee.
Ich nehme mir vor, öfter hinzusehen denn ich denke, man vergibt Chancen wenn man im Leben nicht alles genau betrachtet.
Egal ob bei Menschen oder Stadtteilen.
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