Sonntag, 27. April 2014
Episode 11 - Frühjahrsputz
Etwas unkoordiniert fischte ich den Hausschlüssel aus meiner Handtasche.
Ich war beschwippst und ich war genervt. Die ganze Woche hatte ich mich auf den Cocktailabend mit Sophia gefreut. Unsere Tradition der Mädelsabende hatte ziemlich gelitten, seit sie mit Tom zusammen war. Als gute Freundin war mir klar, dass es heute abend ausschließlich um sie gehen würde, aber Sophia war eine meiner besten Freundinnen und sie nach langer Zeit verliebt zu sehen, machte mich glücklich. Ich wusste was von mir erwartet wurde: geduldiges Zuhören und interessiertes Nachfragen.
Nach der dritten Frage hatte ich keine Lust mehr!
Ich kannte die hübsche Kennenlerngeschichte, die Eckdaten von Tom, die romantischen Dinge die er tat... bei allem Anderen blockte sie ab. Es schien mich irgendwie nichts anzugehen.
Ich hätte Sophias Zurückhaltungen mit Höflichkeit verwechselt, wenn ich uns beide nicht besser kennen würde: Wenn wir verliebt waren, gab es im Normalfall keine Zurückhaltung. Jedes Detail wurde so lange thematisiert, bis der andere es nicht mehr hören konnte. Irgendwas verschwieg sie mir.
Ich stolperte etwas ungeschickt in meine Wohnung und beschloss, dass schlafen eine gute Idee wäre. Vielleicht würde ich die Dinge am nächsten Morgen und mit weniger Wodka im Blut etwas klarer sehen.
Das Einzige was ich am nächsten Morgen klar erkannte, war die Tatsache, dass ich Alkohol früher besser vertragen hatte und dass in meiner Wohnung das Chaos herrschte.
Um den halb verschlafenen Sonntag nicht ganz ungenutzt verstreichen zu lassen, entschied ich mich fürs Großprojekt Frühjahrsputz. Nachdem ich die Fenster geputzt, die Schränke ausgewischt und mich sogar um den Herd gekümmert hatte, beschloss ich, die Bettkästen hervorzuziehen und unterm Bett zu saugen. Eigentlich kein großes Ding. Es ist ein Handgriff die Schubladen hervor zu ziehen. Das Problem ist ein anderes: theoretische Spinnen und die Angst vor diesen. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass Spinnen, sollten sie tatsächlich unter meinem Bett wohnen, auch dann existieren, wenn ich nicht nachsehe, aber beim Thema Spinnen vertrete ich den Standpunkt aus frühsten Kindertagen: „was ich nicht sehe, das ist auch nicht da“.
Während ich mich also mental darauf einstellte die Bettkästen hervorzuziehen und dem Spinneninferno ins Auge zu blicken, fragte ich mich, warum und vor allem wie ich an diesem Kinderglauben so lange hatte festhalten können.
Vielleicht beruhte dies auf Erfahrungen? Vielleicht hatte ich gemerkt, dass es hin und wieder besser war, in Ungewissheit zu leben, als einfach nachzuschauen. Ich musste unweigerlich an Sophia denken: Vielleicht hielt auch sie an diesem Kinderglauben fest. Vielleicht brauchen Frauen manchmal einfach diese perfekte Welt ohne Spinnen, um in dem Chaos aus ersten Dates und der Suche nach der großen Liebe durchzuhalten. Und wenn das so ist, haben wir dann das Recht an die Schubladen unserer Freundinnen ran zu gehen? Vielleicht brauchen uns unsere Freundinnen aber auch genau dann am meisten, so wie man als Kind den Papa gerufen hat, wenn man eine Spinne sah, die einem angst machte.
Und während ich noch so nachdenke, über Schubladen und über Spinnen, schleicht sich meine eigene Schublade still und leise heran. Sie ist nicht besonders groß, es hat mich damals viel Mühe gekostet den 1,95m großen Mann darin zu verstauen. Vielleicht ist der Frühjahrsputz eine gute Gelegenheit auch diese Schublade zu entrümpeln. Ich weiß, dass viele Geschichten in ihr schlummern, denn Niko war nicht irgendwer und doch tauchte er 10 Episoden lang nicht auf...
Mit einem Ruck ziehe ich die Schublade auf. Mit einem Ruck geht alles leichter. Pflaster abreißen und Ängsten ins Auge schauen. Natürlich sind keine Spinnen unterm Bett, nur eine Menge Staub, aber irgendwie fühlt es sich gut an Gewissheit zu haben...
Die Schublade unterm Bett habe ich allein bezwungen. Vielleicht würde ich bei der Niko-Schublade hin und wieder Unterstützung brauchen, aber dafür hat man ja Freundinnen: zum lachen, zum weinen, zum Händchen halten, wenn einem das Leben angst macht und zum gemeinsamen kreischen, wenn man eine Spinne sieht ...
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