Samstag, 24. Mai 2014
Episode 15 – Am Haken
Es ist Frühling in Berlin. Das merkt man an den Vögeln, die schon um 4 Uhr anfangen, vor meinem Fenster zu singen, an den kürzer werdenden Nächten und Röcken und an der Tatsache, dass plötzlich wieder mehr gelächelt wird.
Die Welt erscheint offen und freundlich und da ist es wohl ganz normal, dass dies ansteckend auf uns Menschen wirkt. Mit den ersten Sonnenstrahlen sprießen nicht nur die Tulpen, sondern auch neue Bekanntschaften und Beziehungen aus dem Boden und umgeben uns wohin wir auch gehen.
Ich habe „Frühlingsgefühle“ schon immer ziemlich skeptisch betrachtet, denn sie beschränken sich, wie ihr Name verrät, auf eine einzige Jahreszeit und erinnert mich irgendwie zu sehr an die Brunftzeit im Tierreich.
Was der Frühling aber auch mit sich bringt, sind die ersten schönen Spaziergänge, Grillabende und Weißwein auf den Dachterrassen dieser Stadt. Ich liebe es mit meinen Freundinnen in der Frühlingssonne zu sitzen und über die wirklich großen Dinge im Leben zu diskutieren. In den letzten zwei Wochen, dem Frühling geschuldet, handelt es sich hierbei fast ausschließlich um die neuen Beziehungen die da gerade entstehen.
Nach einem dieser Weißwein-Abende schlenderte ich mit Esther durch den nahe gelegenen Park. Wir sind ein unschlagbares Team. Mit niemandem werte ich die Beziehungs-Storys unserer Freunde lieber aus, als mit ihr. Sie ist nicht nur sehr realistisch und sachlich, sondern auch gnadenlos ehrlich. Wir sprachen also über Heike und ihren Frank, der ihren Erzählungen nach großartig war. Gut, er hatte sie seit drei Monaten keinem einzigen Freund, geschweige denn seiner Familie vorgestellt und verabredete sich mir ihr quasi nur in seiner oder ihrer Wohnung, aber vielleicht war er ja einfach nicht so der Typ der alles gleich an die große Glocke hing. Dann war da Conny. Ihr „Neuer“ lebte gerade in Scheidung und alles war gerade noch etwas unschön. Es lief auf Unterhaltszahlungen an seine Exfrau und geteiltes Sorgerecht für ihre gemeinsame Tochter hinaus. Conny war absolut verliebt und beteuerte, dass sie dass schon schaffen würden, es sie aber schon ärgere, dass sie die Tochter ihres neuen Freundes „vorerst“ nicht kennen lernen sollte. Und schließlich landeten wir bei Janine. Janine hatte den Jackpot geknackt. Sie hatte vor einigen Wochen einen tollen Mann kennen gelernt, der die Anforderungsliste aller Singelfrauen um die 30 bestand: er war Single, keine Exfrauen, keine Kinder, eigene Wohnung, guter Job, gutes Aussehen, er wünschte sich eine Familie und dies tatsächlich in naher Zukunft, er war gesellig und witzig und teilte mit Janine die gleiche Vorstellung vom Leben. Nach dem dritten Glas Wein kam dann die Offenbarung: „er ist toll, aber da ist kein zooom zwischen uns, keine Leidenschaft. Er ist halt wie mein bester Freund, mein Fels.“ Esther und ich liefen schweigend nebeneinander her, denn gerade diese Geschichte macht uns traurig. Wir versuchten uns zu erklären, was da gerade in unserem Freundeskreis passierte. Ist es wie bei dem Outfit, dass auf Fotos super aussieht, aber sobald man damit durchs reale Leben läuft, merkt man, dass die Strumpfhose rutscht, die Schuhe drücken und die Kette sich immer wieder im Strickoberteil verhakt. Ist es einfach Teil des realen Lebens, dass immer etwas hakt? Oder suchen wir so sehr das Perfekte, dass wir sofort das komplette Outfit doof finden, sobald nicht alles dem Bild in unserer Vorstellung entspricht? Wir freuen uns, wenn wir einen Mann am Haken haben und wundern uns dann dass der Mann einen Haken hat. Die entscheidende Frage ist doch, können wir mit diesem Haken leben? Der Mann, der uns drei Monate lang niemandem vorstellt hat seine Gründe, der in Scheidung lebende Vater wird immer eine Exfrau und ein Kind haben und der gute Kumpel wird in uns nie das zooom auslösen, dass wir aus früheren Bekanntschaften kennen... die Entscheidung liegt wohl immer bei uns: Verbringen wir den Großteil unsere Zeit mit dem Kerl an unserem Haken oder mit dem Haken an unserem Kerl?
Wir waren fast bei Esther zuhause angekommen. Wer weiß schon ob das komplette Outfit doof ist, solange man es nicht einfach mal mit einer neuen Kette probierte. Vielleicht stellt man fest, dass die Änderung eines Details das ganze Bild komplett verändert. Das kann die eigene Erwartung sein, das eigene Verhalten, das festlegen der eigenen Toleranzgrenze oder auch die Einsicht, dass Strickoberteile und Ketten mit Ecken und Kanten keine gute Kombination sind.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Mit dem besten Freund sein Leben zu teilen ist das Beste, was einem passieren kann, denn dieser "Zoom" sind meist nur Hormone und die verlassen einen im Laufe einer Beziehung meistens.
AntwortenLöschenTrue ♡
AntwortenLöschen