Samstag, 17. Mai 2014
Episode 14 – Butterfly Effect
Ich wache auf und bin glücklich. Das ist wirklich schön, denn die Chancen stehen jeden Morgen 50 zu 50. Ich finde mich nicht launisch, ich denke auch nicht, dass ich manisch-depressive Tendenzen habe und doch gibt es Tage, an denen wache ich glücklich auf und welche, an denen ich irgendwie nicht ganz so phantastische Laune habe. An solchen Tagen liege ich dann wach und gehe gedanklich die Hardfacts durch:
Bin ich gestern unglücklich eingeschlafen? Habe ich gestern eine schlechte Nachricht bekommen? Habe ich heute etwas unangenehmes vor?
Meistens ist es nichts davon. Vielleicht ist es der Mond. Vielleicht liegt es an Träumen, vielleicht am Wetter... Heute interessiert es mich nicht. Ich bin glücklich.
Die Sonne scheint, ich habe frei, bin ausgeschlafen und das alles, um 7.30 Uhr an einem Samstag. Beschwingt beschließe ich ein paar Sachen fürs Frühstück zu besorgen. Zu Fuß.
Ich laufe durch Wedding, durch den Schillerpark, der bis auf ein paar Jogger kaum besucht ist, die Müllerstraße entlang und ich betrachte die Menschen, die mir begegnen.
Die Frau um die 40, wahrscheinlich Hausfrau und Mutter, die pflichtbewusst eine Runde mit dem Hund dreht, während ihre Familie sicherlich noch tief und fest schläft.
Ein kräftiges Mädchen auf dem Weg zur U-Bahn, welches, wie es das Klischee verlangt, gerade einen Pfannkuchen isst.
Die junge Frau mit dem Kopftuch die eilig mit ihren drei Kindern die Straße kreuzt.
Ich versuche, ihre Blicke im vorbei gehen aufzuschnappen, zu sehen, ob diese Menschen heute glücklich aufgestanden sind.
Die Verkäuferin Mitte 50 ist es offensichtlich nicht. Sie ist in diesem Laden auch nicht die erste Mitarbeiterin, die mir unangenehm auffällt.
Es scheint ihr körperliche Schmerzen zu bereiten mir eine Pfandflasche abzunehmen, die der Pfandautomat nicht will.
Sie zieht missbilligend die Augenbrauen hoch während sie mich bedient und während ich noch überlege ob ich mich über sie beschweren oder sie mal kräftig in den Arm nehmen soll frage ich mich, ob es grundsätzlich Menschen gibt, die glücklicher auf die Welt kommen als andere.
Abgesehen davon, dass man manchmal gut gelaunt aufwacht und manchmal nicht – gibt es Menschen, die es einfach schwerer haben als andere?
Ich überlege, ob das Glücklichsein vererbt wird und damit angeboren ist.
Ich muss unweigerlich an mein Patenkind denken. Die kleine Maus mit dem bezaubernden Lachen, die ich ohne Zweifel als sehr glückliches Kind beschreiben würde. Selten am weinen und eigentlich immer am strahlen. Dann sind da die Geschichten von andern Bekannten, über Babys, die die Nächte durchweinen und grundsätzlich unzufrieden mit sich und der Welt zu sein scheinen.
Können aus glücklichen Babys später unglückliche Erwachsene werden oder ist einem dieses Grundgefühl sicher. Ist jeder Tag ein neuer Anfang oder können wir einfach nicht aus unserer Haut, wenn es um unsere Lebenseinstellung geht?
Ich entschließe mich die Verkäuferin weder zu umarmen, noch mich über sie zu beschweren. Wenn sie wirklich unglücklich ist, so denke ich, wird sie eine Beschwerde auch nicht glücklicher machen.
Aber ich nehme mir vor, dem Filialleiter mal zu schreiben und ihm mitzuteilen, dass mir seine Mitarbeiter unglücklich vorkommen. Ich werde ihn bitten, sich darüber einmal ernsthaft Gedanken zu machen, da es inzwischen der Kundschaft unangenehm auffällt.
Ich weiß, dass dies nichts ändern wird, aber vielleicht hält er ja tatsächlich für einen Moment inne und denkt kurz über das Glücklichsein nach.
Und wie wir ja alle wissen, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings manchmal sogar einen Orkan auslösen...
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen