Samstag, 3. Mai 2014

Episode 12 - Kutschfahrt ins Glück

Es war ein wundervoller Sonntag. Ich hatte ausgeschlafen, im Schäfer zu Mittag gegessen und die Zeitung gelesen um mich danach auf den Weg zur Arbeit zu machen. Es waren 25 Grad, der Himmel war blau und die Sonne schien. Vor mir kreuzte eine Kutsche die Brunnenstraße und ich stand an der Ampel, in Gedanken versunken. Während ich der Kutsche nachsah, die die Bernauer Straße hinunter rumpelte, musste ich unweigerlich an meine Kindheit denken. Ich hatte Pferde geliebt. Wie so viele Mädchen in diesem Alter, wollte auch ich unbedingt reiten lernen. Zusammen mit meinen Freundinnen, ging ich also einmal die Woche zum Reitunterricht. Ambitioniert fuhren unsere Eltern uns zum Reiten und holten uns wieder ab. Es war eine glücklich Zeit in der sich die kleinen und großen Wünsche wie von selbst zu erfüllen schienen. Ich denke zurück an meine Geburtstagsfeiern. Ich bin ein Dezemberkind und hatte so nie die Möglichkeit, eine Party im Freien zu geben. Ich erinnerte mich an einen Sommer, ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein, in dem ich, neben meiner jährlichen Geburtstagsfeier eine zusätzliche Kinderparty schmeißen durfte - nur zu dem Zweck mir eine Kutschfahrt mit meinen Freundinnen zu ermöglichen. Meine Erinnerungen mögen vielleicht auf eine verwöhnte Kindheit hindeuten, für mich war es eine Zeit voller Liebe, in der Wünsche wahr werden konnten und die Prinzessin die Kutsche bekam, wenn sie es sich nur sehr wünschte. Lächelnd blickte ich der Kutsche nach, die kaum noch zu sehen war. Irgendwie eine unwirkliche Erscheinung mitten in Berlin auf einer viel befahrenen Straße. Ich weiß, dass nicht nur ich diese Kindheit hatte. Meine Freundinnen hatten ebenfalls großartige Eltern und Großeltern. Ich frage mich insgeheim, ob dieser Glaube, dass Wünsche wahr werden uns bis heute prägt. Ist es so, dass wir noch heute darauf bauen, dass die Kutsche angerollt kommt, wenn wir es uns einfach nur fest wünschen. Dass eine unsichtbare Hand genau wie in unserer Kindheit den Job, den Mann, das Geld schon irgendwie auftauchen lässt, wenn wir fest daran glauben. Ich denke an meine Freundinnen aus frühster Kindheit. Wieviel Energie wenden wir tatsächlich auf, um die Wahrwerdung unserer Wünsche zu realisieren. Ich hatte immer viel Glück im Leben. Menschen mochten mich, Chancen ergaben sich, Dinge fielen mir zu... Habe ich je gelernt für meine Wünsche selbst einzutreten oder habe ich es vielleicht wieder verlernt? Wie viel Wahrheit steckt in der Floskel, jeder sei seines Glückes Schmied? Glück, so denke ich, war für mich immer etwas, was passiert und nichts, was ich selber formen kann, aber vielleicht gilt dies nicht für die Erfüllung von Wünschen, die glücklich machen. Vielleicht müssen wir umdenken. Vielleicht muss man die Kutsche laut wie ein Kind einfordern, damit man sie bekommt. Kann man auch für sein Glück einen Entwurf festlegen, so etwas wie einen Businessplan, in dem man festlegt, welche Wünsche man im Optimalfall erfüllt sehen möchte? Ich parkte und nahm gut gelaunt immer zwei Treppenstufen auf einmal. Ich glaube es kann nichts schaden seine Wünsche laut zu äußern, denn um dies zu tun, muss man seine Wünsche kennen und für sich selbst klar formulieren. Vielleicht ist das ja schon die halbe Miete. Und selbst wenn nicht, so können wir diese Lektion aus unserer Kindheit mitnehmen: Lautstark eingeforderte Wünsche werden gehört und ernst genommen. Von unseren Eltern, unseren Freunden, von uns selbst und vielleicht sogar vom großen Glück...

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