Samstag, 19. Juli 2014

Episode 23 – We are family

Ich saß im Flieger und versuchte mich abzulenken. Noch 30 Minuten bis Berlin. Fliegen gehört weiß Gott nicht zu meinen liebsten Beschäftigungen. Es ist diese Mischung aus Hilflosigkeit, gepaart mit dem ganzen anstrengenden Drumherum. Den Koffer fluggerecht packen, aufgeben, zittern, dass man ihn wieder bekommt... Das wirklich erniedrigende Durchwühlen meiner Handtasche weil man mal wieder ein Deo darin vergessen hat. Das und vieles mehr lässt mich oft schon einige Tage vor Abflug nervös werde. Das ganze setzt unterschiedlich früh und feinsäuberlich nach Flugzeit gestaffelt ein: Kurzstrecken: ein bis zwei Tage vorher, Mittelstrecke: zwei bis vier Tage vorher und Langstrecke: vier Tage bis Wochen vor Abflug. Dazu kommt die Nervosität vor einer Reise (wird alles gut?) und die Melancholie nach einer Reise (schade, schon wieder alles vorbei). Während ich also angespannt in meinem Sitz kauerte, lies ich den Urlaub Revue passieren. Es war ein schöner sehr entspannter Urlaub gewesen. Ich hatte seit langer Zeit meine kleine Cousine wiedergesehen. Man muss dazu sagen, dass sie nur einige Jahre jünger ist, für mich aber immer die kleine Schwester bleiben wird, die ich nie hatte. Es schmeichelt mir sehr, dass sie das Gleiche über mich sagt. Dass sie tatsächlich eine echte große Schwester hat, tut der Sache keinen Abbruch. Ich habe keine große Familie, um so schöner ist es, dass sich unter den wenigen Menschen eine Person befindet, die mir so ähnlich ist, obwohl sie einzigartiger nicht sein könnte. Und noch etwas ist erstaunlich. Wenn wir uns sehen, sind wir einfach nur wir. Es ist ein wenig so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Es spielt keine Rolle, dass sie nun eine wunderschöne junge Frau von 27 ist. Sobald ich bei ihr bin ist alles wie früher. Während ich mich für ein Date schminke sitzt sie neben mir im Bad auf dem Wannenrand und zieht mich liebevoll auf. Wenn ich Geschichten über „Dates und Jungs“ erzähle, hört sie gespannt zu, eingekuschelt in ihre Kissen und gibt kleine, spitze Kommentare ab und wenn ich müde oder deprimiert bin, krault sie mir den Kopf bis ich eingeschlafen bin. Und doch ist diesmal etwas anders, denn inzwischen redet sie dann auch selbst über ihre Erfahrungen. So muss es Eltern ergehen, die zum ersten Mal den Liebeskummer ihrer Kinder trösten denke ich mir und möchte im gleichen Moment jeden Kerl erschießen, der sich ihr gegenüber unanständig verhält. Wir lachen viel, wir essen viel und wir geben wieder mal viel zu viel Geld für Klamotten aus. Es ist eine unbeschwerte Zeit, die mich zurück wirft in Erinnerungen, die schon fast verblasst waren. Ich frage mich, ob es ihr auch so geht. Ob sie die Zeit genauso geniest wie ich es tue oder ob sie es als ihre Pflicht sieht, die kleine Cousine zu spielen, die die Große anhimmelt. Ich kann mir nicht mehr erklären, warum ich es so lange ohne sie ausgehalten hab und ich frage mich, welche Lektion mir der Urlaub erteilt hat, was die Moral der ganzen Geschichte ist. Vielleicht gibt es in diesem Fall keine. Vielleicht ist alles was ich in diesen Tagen gelernt hab, dass Familie, sei sie auch noch so weit weg von zuhause, der Ort ist, wo du immer du bleibst: die Tochter, die große Schwester, die nervige Tante oder eben auch die große Cousine aus der Hauptstadt, die dich mit skurrilen Geschichten über Leben, Liebe und Männer versorgt. Für mich ist es wie das Kaninchenloch in das man fällt, bevor man am anderen Ende in einer wunderbare Welt erwacht, in der alles einfach zauberhaft ist. Fern von Druck, fern von Erwartung und fern von den Rollen, die man im alltäglichen realen Leben einnehmen muß. Was es auch ist. Es ist schön zu wissen, das es einen Ort mit Menschen gibt, bei denen du ganz genau das bleibst, was du schon immer für sie warst.

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