Samstag, 12. Juli 2014
Episode 22 – 150 g Hackfleisch halb und halb bitte
Müde vom Einkaufen ließ ich mich auf die Couch fallen. Lebensmittel einzukaufen ist für mich eine absolut nervige und überflüssige Angelegenheit und ich würde sie mir wohl immer liefern lassen, wenn mir die Vereinbarung des Liefertermins nicht zu verbindlich und nervig wäre. Aber so ist das halt. Wenn man was im Kühlschrank haben will, muss man vor die Haustür oder sich in einer Stadt wie Berlin wenigstens verbindlich auf einen Liefertermin festlegen können. Also hatte ich das kleiner Übel gewählt, hatte mich in meine Klamotten geworfen und mich über eine Stunde durch den wieder mal viel zu vollen Supermarkt gedrängelt. Als ich gerade meine Schuhe von den Füßen gekickt und mich auf das wohlverdiente Sofa fallen gelassen hatte, klingelte das Telefon. Es war Heike. Innerlich rollte ich mit den Augen, aber intuitiv nahm ich ab, denn gute Freunde lässt man nicht ins leere klingeln. Wie befürchtet war es nicht Heike, die fröhliche Smalltalkerin, sondern Lebenskriesen-Heike. Der Mann, mit dem sie seit einigen Monaten ausging hatte ihr durch die Blume mitgeteilt, dass es da noch eine andere „Interessentin“ gab. Die beiden hatten sich vor einiger Zeit in einem Club kennen gelernt. Von Anfang an war sie fasziniert von seiner offenen, direkten Art und seinem Charme. Was für Außenstehende wohl sichere Alarmzeichen für einen Frauenheld sind, sind für die betroffene Person meist nur Zeichen, dass sie die Eine für ihn war und dass es sich um Liebe auf den ersten Blick handeln muss. Mehr als einmal hab ich das in meinem Freundeskreis erlebt und so oft man das auch von Außen kommentiert, so schnell wird man auch blind, sobald es einen selber trifft. Und während ich mir ihre Geschichte anhörte, kam mir ein Gedanke. Sind wir an diesem Elend selber Schuld? Es ist richtig, dass wir nie wissen wo und wann uns der Mann fürs Leben über den Weg läuft, aber ist es nicht so, dass wir es selber in der Hand haben, was uns in den Einkaufswagen kommt und was wir vor der Kasse wieder aussortieren? Wenn wir in den Supermarkt gehen, ein Rezept im Kopf, wissen wir genau was wir wollen. Wir gehen zur Fleischtheke, bestellen 150 g Hackfleisch, bekommen 150 g Hacklfleisch, gehen zur Kasse und gut ist. Niemand würde auf die Idee kommen in ein Schuhgeschäft zu gehen, wenn er Hackfleisch braucht (außer es liegt gerade auf dem Weg ... und es gibt wirklich schöne Schuhe) und selbst wenn: wir wären wohl kaum überrascht wenn wir das Geschäft dann mit Schuhe und nicht mit Hackfleisch verlassen. Vielleicht verhält es sich ja mit Männern genauso. Vielleicht sind wir selber Schuld daran, dass es in unseren Beziehungen nicht funktioniert, weil wir einfach die falsche Ware in den Einkaufswagen gepackt haben, einfach von Anfang an im falschen Laden eingekauft haben. Wir sehen den wilden Typen, der mit seinen Kumpels barfuß im Park sitzt und Bier trinkt und ärgern uns nach 6 Monaten Beziehung, dass er ein wilder Typ ist, der gerne barfuß mit seinen Kumpels im Park sitz. Und Bier trinkt. Wir sind fasziniert von dem Mann, der im Club auf uns zukommt und uns direkt anspricht und verstehen nicht, warum er trotz der Beziehung zu uns immer wieder mit wildfremden Frauen ins Gespräch kommt. Vielleicht ist es wirklich so: what you see, is what you get. Ich sage es Heike nicht. Wie könnte ich. Nichts ist schlimmer als eine besserwisserische Freundin, wenn es einem eh schon schlecht geht. Auf einmal kommt mir Lebensmittel einkaufen gar nicht mehr so nervig vor. Alles liegt gut sortiert vor einem, sauber beschriftet. Selbst die Inhaltsstoffe und das Mindesthaltbarkeitsdatum sind aufgelistet.So gut wie unmöglich hier einen Fehlgriff zu machen.Ich packe mein Hackfleisch aus und während ich die Lasagne für die wimmernde Heike, die sich gerade zu mir auf den Weg macht und mich vorbereite denke ich: „wie schön wäre es, wenn es mit allem so einfach wäre“.
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