Samstag, 9. August 2014
Episode 26 – Hitzefrei
Ich liebe den Sommer, wirklich. Es stört mich noch nicht mal, bei 35 Grad im Schatten zu arbeiten, aber ich vermisse es trotz allem, Hitzefrei zu bekommen, denke ich während ich mich auf den Weg zum Job mache.
Es liegt wahrscheinlich an den Kindheitserinnerungen, die ich damit verknüpfe.
Es war eine wundervolle Zeit, damals in der Grundschule. Sobald die Sonne kräftiger wurde und die Temperaturen Richtung 30 grad kletterten, machte sich eine freudige Unruhe in mir und meinen Freunden breit. Lange hatten wir nicht verstanden, dass das Thermometer, welches auf dem Schulhof hing, nicht das war, welches vom Direktor zur Ermittlung der tatsächlichen Temperatur herangezogen wurde. Wir hatten dieses bewusste Thermometer viele Jahre regelmäßig gefoltert um Hitzefrei zu bekommen. Unter anderem mit Streichhölzern und Feuerzeugen.
Wenn es dann aber tatsächlich soweit war, brach der Jubel im Klassenzimmer aus und ein Gefühl von Freiheit überkam uns. Was gab es besseres, als spontan um 11:30 Uhr Schluss zu haben, sich aufs Fahrrad zu schwingen und mit all seinen Freunden zum Strandbad zu radeln, den ganzen wundervollen Sommertag noch vor sich.
Es ist definitiv dieses Gefühl, dass ich vermisse und nicht die Tatsache, bei 35 Grad nicht arbeiten zu wollen. Und während ich so in Gedanken schwelge, bekomme ich Angst, den Sommer regelmäßig zu verpassen.
Ich habe meinen Terminkalender vorm inneren Auge, der mir schon jetzt kein einziges freies Wochenende bis Mitte Oktober gönnt und ich bemerke, dass es diese geschenkte Zeit ist, die mir fehlt. Dieser glückliche Moment, wenn man realisiert, dass der ganze Tag noch vor einem liegt und alle geplanten Pflichten abgesagt wurden. Heutzutage bin ich schon fast dankbar, wenn mich mein Zahnarzt mal 30 min. warten lässt und ich eine Zeitschrift in Ruhe durchblättern kann oder mein Flieger Verspätung hat.
Geschenkte Zeit aus dem nichts, für die man sich nicht schämen muss, die man anders eh nicht nutzen kann. Ich verbiete mir in solchen Momenten das Handy aus der Tasche zu ziehen und Emails zu beantworten oder Telefonate zu führen, denn ein Geschenk ist etwas großartiges, dass es zu schätzen und nicht mit Füßen zu treten gilt.
Ist es nicht seltsam, dass man als Kind trotz aller elterlichen Regeln und der Schule, mit ihren Klassenarbeiten und Hausaufgaben, diese Freiheitsgefühl empfunden hat, nachdem man sich heute sehnt? Als Erwachsener, selber verantwortlich für sein Leben, alleine ohne Verpflichtungen gegenüber Partner und Familie und Chef mit dem Freiraum sich seine Arbeitszeit selbst einzuteilen ist man doch gefangener, als man es zu Kindertagen war.
Ich habe mir Anfang des Jahres, quasi als guten Vorsatz, eine Prioritätenliste erstellt.
Eine Liste, die mich daran erinnern soll, für wen oder was ich mir Zeit nehme möchte und mein Gewissen beruhigt, wenn ich Termine oder Verabredungen mal nicht wahrnehmen kann, aber irgendwie habe ich den Sommer dabei völlig vergessen.
Auf der Arbeit angekommen schlage ich meinen Kalender auf und beschließe, mir in der kommenden Woche einen Tag frei zu nehmen. Einen ungeplanten Tag Urlaub an dem ich meine Sachen und einen mir lieben Menschen schnappen und ans Meer fahren werde. Einfach so. Für einen Tag.
Ein Geschenk an mich selbst, wenn man so will. Bei allen Verpflichtungen, den unangenehmen und den wunderschönen, den Geschenken die man gibt und den Geschenken die man bekommt, muss ich mich manchmal wohl daran erinnern, dass auch ein Geschenk an mich selbst wertvoll und wichtig sein kann.
Es ist nicht genau das gleiche Gefühl wie damals, der Überraschungsmoment fehlt natürlich, aber dennoch: nächste Woche bin ich mal wieder für einen Tag 10 Jahre alt und bekomme „Hitzefrei“, nur diesmal am Meer. Und mit einer schönen Flasche Wein im Gepäck...
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