Samstag, 2. August 2014
Episode 25 – Trendbezirk
„Wirklich, ich kann es nicht ausstehen“, sagte ich gerade zu Sarah, als ich in ihrem kleinen Café meine Waffel mampfte. Dabei hatte Sarah mit ihrem wundervollen kleinen Laden ein gutes Stück dazu beigetragen.
„Die Hipster nehmen Wedding ein“. Es ist kaum zu übersehen, dass alte Häuser saniert werden, an jeder Ecke schicke kleine Restaurants eröffnen in denen man Sonntags brunchen kann und Cafés aus dem Boden schießen, in denen man veganen Latte Macchiato bekommt.
Ich gebe zu, dass ich davon selbst immer wieder gebrauch mache. Nicht von dem veganen Latte Macchiato natürlich, aber von der Möglichkeit, in meinem Kiez schön essen gehen zu können und hervorragenden Kaffee und Kuchen zu bekommen.
Ich wohne hier seit 7,5 Jahren und trotz aller Vorurteile mit denen mein armer kleiner Bezirk leben muss, fühle ich mich hier zuhause.
Als ich hier herzog waren die Mieten günstig und die Straßen voller „Kultur-Clubs“ und meist türkisch bewirtschafteten Bäckereien, Spätis und Dönerläden.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis unser Nachbarbezirk Prenzlauer Berg zu teuer wurde und die vielen Menschen auf der Suche nach schönen Wohnungen zu bezahlbaren Preisen auch den Wedding für sich entdecken.
Mit schönen Bezirken ist es nämlich so, wie mit schönen Männern: man hat sie selten für sich alleine.
Dabei fängt alles so harmlos an. Es kann ein Mann oder der passende Wohnort sein nachdem man sucht. Beides findet man meist nicht von heute auf morgen. Man sucht und sucht, schaut hier und schaut da, muss einige Fehltritte verkraften und schließlich findet man diesen kleinen Schatz, der sich erst bei genauerer Betrachtung als Gewinn herausstellt.
Sucht man eine Wohnung in einem angesagten Bezirk, so weiß man von vornherein, auf was man sich einlässt. Ebenso ist es mit schönen Männern. Sucht man sich einen viel umschwärmten Womanizer, lässt sich erahnen, dass dieser auch weiterhin von vielen Frauen bewundernde Blicke bekommen wird, sucht man sich dagegen etwas „normales“ fühlt man sich in Sicherheit. Doch die Dinge bleiben selten so, wie sie sind. Diese Stadt ist in Bewegung. Jedes Tag, jede Sekunde und so gibt es nur zwei Möglichkeiten: es wird besser oder es wird schlechter.
Ähnlich wie bei Menschen in Beziehungen blühen einige auf und einige lassen sich gehen.
Eine ähnliche Erfahrung musste auch meine Freundin Yvonne machen. Es klingt nicht sehr nett, aber es entsprach der Realität was sie mir neulich am Telefon erzählte: Markus war zu beginn ihrer Beziehung wirklich kein Blickfang gewesen. Man fragte sich nicht selten, warum eine wunderschöne, erfolgreiche Frau wie sie mit jemandem wie ihm zusammen war. Natürlich schämte man sich gleich danach für diesen Gedanken, waren so viele andere Dinge doch wichtiger als optische Oberflächlichkeiten. Aber dann war irgendetwas in Bewegung geraten. Mag es daran gelegen haben, dass Markus die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen oder das er die Blicke ihres Freundeskreises auffing und deutete... plötzlich arbeitete dieser Mann an sich und was Yvonne anfangs gefallen hatte, die kurzen Haare, der neue Stil, die Initiativbewerbung bei einer großen Firma wurden plötzlich zu einer Belastungsprobe für ihre Beziehung. Fakt war: Markus konnte damit nicht umgehen. Ihm gefiel plötzlich etwas zu gut, was er darstellte und noch besser gefiel ihm, wie andere Menschen und nicht zuletzt vor allem Frauen darauf reagierten.
Rückblickend hätte wohl niemand gedacht, dass ein Mann wie Markus Yvonne betrügen würde. Und könnte.
Ich hoffte inständig dass mein Bezirk, dem ich nun schon so lange verbunden war, etwas mehr Anstand hatte, dass dieser Bezirk sich schlussendlich treu bleiben würde. Mir treu bleiben würde.
Niemand hat wohl ein Problem mit einem neuen Haarschnitt oder einem guten Kleidungsstil, wichtig ist nur, dass man nicht durchdreht wenn man auf der Beliebtheitsskala nach oben klettert sondern sich darauf besinnt, wer schon da war und einen liebte, als man noch etwas weniger angesagt war.
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